Theatermontage nach Georg Büchners Gesamtwerk​​
Sie befinden sich zu viert im Raum. Mal gebündelt, mal versprengt. Im Streit oder versöhnt. Sich suchend, findend, liebend, verachtend, und immer in vereinender Not: Die Lösung der Starre! Den Ausbruch aus den Umständen!
PALAIS ROYAL ist eine Montage von Texten und Motiven aus Georg Büchners 200 Jahre alten Gesamtwerk. Neu gedacht und nach Anwendbarkeit auf eine atomisierte Gesellschaft hinterfragt. Mit den Texten Büchners und also des Autors innerstem Drang finden sich die Spielenden in eine provisorische Welt gesetzt, wie der Revolutionär seinerzeit. Aufbegehrend gegen Politik, verharrende Kunst und den götzendienerischen Trott der Älteren schrieb der Autor-Philosoph-Mediziner Büchner seine glühende Überzeugung wie Schläge ins Bewusstsein, berauschend und zernichtend zugleich. Zutage tritt eine Gemeinschaft, für die alte Gewissheiten weggebrochen, Perspektiven für die Zukunft jedoch noch nicht erkennbar sind. Ruhelose Automaten im festen Griff eines allumfassenden Produktionszwangs, aber „das reicht uns nicht!“ Es treten auf: Leonce und Lena, Dantons Tod, Woyzeck, Briefe, Lenz, Schädelnerven und Barben, Lebens- und Staatsformen, moderne Arbeitsverhältnisse, Objekte, Musik und die Frage nach dem Verbleib sozialer Gleichrangigkeit, den Menschenrechten, und Möglichkeiten für die Liebe.
Büchners Weltsicht zu ergründen wird für Arno Friedrich und dem Ensemble des theater VIEL LÄRM UM NICHTS nach einer intensiven Recherchephase zur Konfrontation mit der Gegenwart und zum ausweglosen Freispiel – „Wir müssen was treiben!“ Ein poetischer Theaterabend über das Knarzen und Versagen der Auslaufmodelle aber auch über die Träume der jungen, gut geölten Maschinen.
mit: Denis Fink, Danielle Green, Klara Pfeiffer, Leon Sandner
Textfassung & Regie: Arno Friedrich
Bühne & Kostüm: Claudia Karpfinger, Katharina Schmidt Assistenz & Dramaturgie: Christian Schmitz-Linnartz Licht & Technische Einrichtung: Max Reitmayer
Uraufführung: 27. Dezember 2024 | 20 Uhr
weitere Vorstellungen: 28.12. | 20 Uhr
SILVESTERVORSTELLUNG 31.12. | 18:00 Uhr
2. Januar bis 22. Februar 2025 immer Do-Sa | jeweils 20 Uhr (keine Vorstellung am 11. & 17. Januar)
„Ich begreife nicht, warum die Leute nicht auf der Gasse stehenbleiben und einander ins Gesicht lachen. Ich meine, sie müßten zu den Fenstern und zu den Gräbern heraus lachen, und der Himmel müsse bersten, und die Erde müsse sich wälzen vor Lachen“ (Georg Büchner)​
Georg Büchner ergreift im Ablauf weniger Jahre, praktische Medizin und theoretische Naturwissenschaft, Grundfragen der Metaphysik, der Erkenntnistheorie und der Naturphilosophie, Dichtung aller Grade und Arten, politisches Denken und Handeln. Verwirrende Fülle der Aktivitäten, der doch ein eigentlicher Mittelpunkt zu mangeln scheint. Wie aufgegriffen sieht das aus, um dann, nach kurzem Rausch, weggeworfen zu werden. Wohl scheint der jähe Abschluss dieses Lebens verhindert zu haben, daß sich der Ekel, die Absage an alles, was im Fluge aufgenommen wurde, allzu sichtbar schon nach außen hin kundtat. Nur der Bruch mit der Politik nach intensivstem politischem Wirken oder auch die Deklamation des müden, angeekelten, gelangweilten Prinzen Leonce scheinen mögliche Hinweise zu bieten. Hier ist das Ergreifen heterogenster Dinge zum Selbstzweck geworden, zum Spiel und Genuss an sich.
​Stellt man die Frage nach den Leitmotiven im Werk Büchners, so läßt sich die Brücke zum Politischen nicht schlagen. Nicht vom Stofflichen der Dichtungen (vom Danton etwa abgesehen), erst recht nicht von ihrem Geistigen her ist die Verbindung herzustellen, die zum Hessischen Landboten und zu Büchners Schicksal als Revolutionär überleitet. Die philosophischen und fachwissenschaftlichen Studien verweigern sich solcher Synthese von Anbeginn an. Auf die Frage nach der Einheit kommt alles an.
​Geht es um das Für und Wider der jeweils herrschenden Gesellschaftsordnung, um Erhalten oder Verändern, so geht es sogleich auch um die menschliche Geschichte, um die Frage nach Freiheit oder Bindung menschlichen Denkens und Wollens, um die Möglichkeit, die Natur des Mitmenschen derart gestalten und beeinflussen zu können, daß sie aus den gegebenen Verhältnissen das Wünschbare herausmeißelt. Damit aber stehen Fortschritt und Freiheit (nebst den »Bedingungen ihrer Möglichkeit«, mit Kant zu sprechen) oder Kreislauf und Gebundenheit des menschlichen Handelns durch gegebene Determinanten. Die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Materie, von „Bewusstsein und gesellschaftlichem Sein“ ist gestellt. Es geht um Entscheidungen, die den Dichter, der ein Dichter der Menschen und des Menschlichen ist, ebenso angehen wie den Philosophen, wie den Wissenschaftler.
​Das Gefühl, das die Zeit ihm eingab, war das mangelnder Festigkeit und Sicherheit. Was sich abspielte in Wirtschaft und Gesellschaft, Politik und Kunst, Philosophie und Technik, bot in allem ein Bild des Übergangs, der Zerstörung alter Verhältnisse, Einrichtungen und Dogmen, die man für unerschütterlich gehalten hatte, – und völligen Dunkels, der Fragwürdigkeit und der Unsicherheit als Ausblick in die Zukunft. Die Generation lebte im Bewusstsein des »Provisorischwerden aller Verhältnisse«.
​Wenn aber weder Stabilität noch offener Kampf für oder wider den Umsturz der Tagesordnung zugeschrieben wurde, wenn nicht einmal klar ist, welche Veränderung in den bestehenden Zuständen möglich oder auch nur wünschenswert ist, dann entsteht ein Gefühl der Haltlosigkeit. Man sucht nach dem Ausgang aus einem Gebäude, dessen Grundpfeiler allenthalben geborsten sind; man fürchtet die Richtung zu verfehlen, sieht aber nirgendwo eine klare Richtung. Man zweifelt am Sinn seines Lebens, denn im Provisorischen kann man nicht geruhig leben. So entstehen Epochen, aus denen dem Nachfahren so oft der Ruf der allgemeinen Lebensangst entgegenhallt. Daher jene Philosophien und Dichtungen der Monotonie und Langeweile, ungezählte Beschreibungen des Seelenzustandes innerer Leere, eines Daseins ohne Richtung und Inhalt, auf der Jagd nach seelischen Sensationen, um die innere Leere zu übertönen, wie sie sich allenthalben in den Zeugnissen jener Generation finden, bei den Franzosen wie den Deutschen, den Engländern wie den Russen oder Spaniern. Eine Generation fragt sich, wozu und wohin sie lebt – und die Frage bleibt unbeantwortet.
​Georg Büchner starb am 19. Februar 1837. Er hat französische und deutsche Zustände gesehen und zu verstehen versucht. Was er dort sah, war allenthalben Zusammenbruch, Übergang zu neuen Kämpfen. Ausweg und Lösung der Konflikte vermochten ihm Raum und Zeit nicht zu geben. Im Zeichen dieses Antagonismus steht Büchners gesamtes Denken, Fühlen und Schaffen. In dieser Begrenzung ist sein Werk folgerichtig bis zum Ende, ist es Vollendung. Die gleiche Schranke aber macht es zum Fragment.
​(aus „Georg Büchner und seine Zeit“ von Hans Mayer, Suhrkamp Verlag)
„O, die Welt ist abscheulich! An einen irrenden Königssohn ist gar nicht zu denken.“
„Das Spiel ist, was uns hält. Wollen wir ein Theater bauen?“